Alicia fährt Fahrrad !

Unsere Tochter Alicia ist jetzt 6½ Jahre alt und stolze Erstklässlerin. Den Schulweg legen wir mit dem Fahrrad zurück.

Alicia hat eine sehr schwachen Muskeltonus und gehört nicht zu den sportlichsten. Da wir bis vor kurzem in einer Spielstraße gewohnt haben, in der alle Kinder ein Fahrrad besaßen, bekam Alicia genau wie ihr kleiner Bruder ein Fahrrad mit Stützrädern. Während unsere Jüngerer mit 3½ Jahren bereits ohne Stützräder auch größere Strecken problemlos zurücklegte, nutzte Alicia ihr Fahrrad hauptsächlich als Sitz. Kleine Fahrradtouren von 500m wurden zum Drama und strapazierten die Nerven aller Beteiligten. Alicia musste alle paar Meter neu motiviert werden, weiter zu fahren. Änderte sich der Fußwegbelag, z.B. weil eine Garagenausfahrt anders gepflastert war, stieg sie ab und schob über dieses Stück. Auch entgegenkommende Passanten ließen sie erneut absteigen.

Bergauf war ihr zu anstrengend und leicht abschüssig zu schnell. Statt zu bremsen wurde lieber abgestiegen und geschoben. Verbal konnte Alicia perfekt Fahrrad fahren. Sie erklärte allen die Theorie, konnte diese selbst aber nur schlecht in die Praxis umsetzen. Auf die Frage des kleinen Bruders: “Warum kann Alicia nicht mit ohne Stützräder fahren?“ antwortete Alicia mit viel Selbstbewusstsein:“ Bastian mir fehlt noch das Gleichgewicht.“

Um mit der Familie wieder etwas mobiler zu werden, suchten wir nach Alternativen. Ein spezielles Fahrrad mit drei Rädern hätte nur das Gleichgewichtsproblem gelöst. Unsere nächste Idee war der COPILOT. Ein Tandem, bei dem das Kind vorn sitzt, mittreten kann und man seinen Schützling im Blick hat. Optimal dachten wir: Wir können Alicia die Umwelt und Verkehrsregeln erklären und sehen, wann die Konzentration nachlässt. Also forderten wir Prospekte und Preislisten der Fa. HOENIG an und stellten fest, dass der Preis dieses Rades bei DM 5.000,- lag.

Eine Nachfrage bei Kinderarzt und Krankenkasse ließ unser Projekt in weite Ferne rücken. Uns wurde gesagt, dass ein knapp fünfjähriges Kind noch kein Fahrrad benötige und wir frühestens in zwei Jahren einen Antrag auf Beihilfe stellen dürften. Eine feste Kostenzusage zum späteren Zeitpunkt konnte und wollte die Kasse nicht geben.

Den COPILOT auf Secondhand-Basis zu erwerben, erwies sich ebenfalls als schwierig.

Wir freundeten uns mit dem Gedanken eines handelsüblichen „Anhängers“ an. Er hatte den Vorteil, dass wir kein weiteres Fahrrad in der Garage stehen hätten, sondern durch den Kauf von zwei Anhängerkupplungen unsere Fahrräder je nach Bedarf weiter nutzen konnten. Der Hänger ließ sich flexibel einsetzen und selbst schmale Wege oder Kurven sind kein Problem.

Natürlich hatten wir Ängste. Schließlich saß Alicia nun hinten und man hatte sie nicht unter Kontrolle. Was, wenn sie müde wird, vom Sattel rutscht oder während der Fahrt einfach absteigen will? Gab es die Möglichkeit, Alicia mittels eines Spezialsattels zu sichern? Informationsgespräche mit den Firmen und Fahrradhändlern zogen sich endlos hin. Angebotene Lösungen erwiesen sich als teuer und zeitaufwendig. Aufgrund des fortgeschrittenen Sommers beschloss mein Mann das Risiko einzugehen und es ganz normal auszuprobieren. Wir kauften den Anhänger und fuhren die ersten Male nur auf weichen Waldwegen. Einer von uns mit Alicia voran und einer als Beobachter direkt dahinter. Alicia platzte vor Stolz auf ihrem Anhänger. Sie zeigte uns ganz schnell, dass all unsere Befürchtungen grundlos waren. Alicia winkte wild zum Begleitfahrzeug, putzte sich die Nase oder klingelte. Heruntergefallen ist sie nie. Nachdem sie selbst Härtetests auf der Buckelpiste unfallfrei meisterte , trauten wir uns mit dem Anhänger auch in den Straßenverkehr.

Für uns hat sich die kostengünstige Wahl (unter DM 400) gelohnt. Hin und wieder nutzt auch der kleine Bruder das Angebot des Anhängers. Wir sind wieder mobil und können dank dieser Anschaffung bei so mancher Tour auf das Auto verzichten.

Wenn wir mit dem „Tandem“ vor dem Kindergarten oder der Schule vorfahren, hören wir immer wieder: „guck mal, das ist ja ein cooles Fahrrad!“

Bis Alicia 35 kg wiegt oder Fahrradfahren lernt, werden wir weiter cool durch unseren Ort radeln.